Warum zuerst prüfen und dann bauen
Wer eine Website anfängt, beginnt meistens mit dem Inhalt. Texte schreiben, Bilder aussuchen, ein Layout wählen. Das ist die sichtbare Arbeit, und sie fühlt sich nach Fortschritt an.
Nur steht sie auf einem Fundament, das niemand geprüft hat. Wenn die Seite unter vier Adressen erreichbar ist, wenn sie nicht in der Sitemap steht, wenn der Titel überall gleich lautet, dann ist der beste Text ein Text, den keiner findet.
Die erste Frage ist deshalb nicht, was du schreiben sollst, sondern ob deine Seite trägt. Das lässt sich in 45 Minuten beantworten, mit einem Browser und drei kostenlosen Werkzeugen, die du schon hast.
Was das hier nicht ist: kein SEO-Audit mit 200 Punkten, keine Tool-Empfehlung, kein Versprechen auf Platz eins. Fünf Prüfungen, jede mit einem klaren Ergebnis, und am Ende ein Punktestand. Mehr nicht, und das reicht für den Anfang.

Prüfung 1: Erreichbar unter einer Adresse
Jede Seite hat vier Adressen, unter denen sie erreichbar sein kann:
http://deinedomain.dehttps://deinedomain.dehttp://www.deinedomain.dehttps://www.deinedomain.de
Drei davon müssen auf die vierte weiterleiten. Tippe alle vier in den Browser und achte darauf, ob sich die Adresse in der Zeile ändert. Bleibt eine davon stehen und zeigt Inhalt, hast du deine Seite unter zwei Adressen veröffentlicht.
Das ist kein Schönheitsfehler. Suchmaschinen behandeln zwei Adressen als zwei Seiten mit demselben Inhalt und teilen die Signale zwischen beiden auf. Ein Backlink auf die eine Hälfte hilft der anderen nicht.
Am schnellsten prüfst du das mit einem Aufruf im Terminal:
curl -I https://deinedomain.de
Die erste Zeile zeigt den Statuscode, eine Zeile Location: zeigt, wohin
weitergeleitet wird. Erwartet wird 301 mit einem Ziel, das auf die endgültige
Adresse zeigt. Ein 200 bedeutet: Diese Adresse liefert selbst Inhalt aus.
Grün: Alle Varianten führen per 301 auf eine Adresse, und diese antwortet mit 200. Gelb: Die Weiterleitung existiert, aber eine Variante antwortet doppelt. Rot: Zwei Varianten liefern Inhalt aus, oder eine ist gar nicht erreichbar.
Prüfung 2: Steht deine Seite in der Sitemap?
Die Sitemap ist die Liste, die du den Suchmaschinen gibst: diese Seiten gibt es,
diese sollen sie kennen. Sie liegt meistens unter deinedomain.de/sitemap.xml.
Öffne sie und zähle. Dann zähle die Seiten, die du tatsächlich hast.
Die beiden Zahlen müssen übereinstimmen. Jede URL in der Sitemap muss außerdem mit 200 antworten; eine Sitemap, die auf gelöschte Seiten zeigt, ist ein Vertrauensverlust, kein Service.
Warum die Zahl nicht stimmte
Bei mir standen 16 URLs in der Sitemap, während 19 Seiten auf der Website lagen. Der neueste Artikel fehlte. Er war veröffentlicht, im Blog ganz oben, über die Navigation erreichbar, und in der Sitemap nicht vorhanden.
Die Ursache war ein leeres Feld: Das Veröffentlichungsdatum des Artikels war nie gesetzt worden, und der Generator nimmt nur Artikel auf, die ein Datum haben. Er meldete dabei keinen Fehler. Der Deploy lief durch, alles sah in Ordnung aus.
Eine Seite, die nicht in der Sitemap steht, existiert für Suchmaschinen nur, wenn jemand zufällig auf sie verlinkt. Bei einem neuen Artikel verlinkt am Anfang niemand. Er wartet dann so lange, bis jemand ihn findet, und niemand sucht ihn.
Der zweite Teil der Prüfung gehört in die Search Console: Wie viele Seiten sind indexiert, und was steht unter „Gefunden, zurzeit nicht indexiert"? Das ist keine Fehlermeldung, sondern eine Warteschlange. Sie sagt dir, welche Seiten Google kennt und noch nicht aufgenommen hat.
Grün: Alle Seiten stehen in der Sitemap, alle antworten mit 200, und die Zahlen stimmen. Gelb: Es fehlen Seiten, oder die Sitemap ist älter als der letzte Artikel. Rot: Es gibt keine Sitemap, oder sie zeigt auf Adressen, die 404 liefern.
Prüfung 3: Wie lange dauert der erste Eindruck
Geschwindigkeit ist kein Wettbewerb, sondern eine Schwelle. Der Wert, auf den es ankommt, heißt Largest Contentful Paint, abgekürzt LCP: die Zeit, bis das größte Element im sichtbaren Bereich steht. Meistens ist das ein Bild oder eine Überschrift.
Die Schwellen sind festgelegt: unter 2,5 Sekunden gut, 2,5 bis 4 Sekunden verbesserungswürdig, darüber schlecht. Prüfen kannst du das mit PageSpeed Insights, das zwei Werte zeigt: einen aus echten Nutzern und einen aus dem Labor. Bei einer kleinen Seite gibt es oft keine Felddaten, dann nimm den Laborwert als Anhaltspunkt und behandle ihn als Schätzung.
In den meisten Fällen ist nicht der Server schuld, sondern das Bild. Ein Foto, das mit 4.000 Pixeln Breite hochgeladen wurde und mit 600 Pixeln angezeigt wird, kostet sechsmal so viel Datenvolumen wie nötig. Dasselbe Bild als WebP oder AVIF statt JPEG spart noch einmal die Hälfte.
Drei Maßnahmen, die du selbst umsetzen kannst, ohne den Hoster zu wechseln: Bilder in der Größe ausliefern, in der sie erscheinen; moderne Formate verwenden; alles unterhalb des sichtbaren Bereichs erst beim Scrollen laden lassen.
Grün: LCP unter 2,5 Sekunden. Gelb: 2,5 bis 4 Sekunden. Rot: über 4 Sekunden, oder die Seite lädt sichtbar nach.
Prüfung 4: Titel und Beschreibung, die jemand anklickt
Jede Seite braucht einen eigenen Titel und eine eigene Beschreibung. Der Titel ist die Überschrift, die in den Suchergebnissen steht, die Beschreibung der Text darunter.
Zwei Zahlen, die du dir merken kannst: etwa 50 bis 60 Zeichen für den Titel, bis 158 für die Beschreibung. Alles darüber wird abgeschnitten, und zwar nicht an einer sinnvollen Stelle.
Der Test ist einfach und unangenehm: Schreib alle Titel untereinander auf.
- Steht zweimal derselbe da?
- Steht bei jeder Seite der Firmenname und sonst nichts?
- Fehlt bei einer Seite der Titel ganz?
Ein Titel wie „Startseite" ist ein Platzhalter, kein Titel. Er sagt dem Leser nichts, was er nicht schon sieht, und er sagt der Suchmaschine nichts über den Inhalt. Ein guter Titel nennt das Thema und das, was der Leser davon hat.
Die Beschreibung ist kein Ranking-Faktor, aber sie entscheidet, ob jemand klickt. Zwei Sätze, die die Frage beantworten, die der Titel aufwirft, sind besser als eine Aufzählung von Schlagworten.
Grün: Jede Seite hat einen eigenen Titel in der Länge und eine eigene Beschreibung. Gelb: Doppelte oder zu lange Titel. Rot: Titel fehlen, oder alle Seiten tragen denselben.
Prüfung 5: Was soll die Seite eigentlich tun?
Die letzte Prüfung braucht kein Werkzeug, und sie ist die wichtigste. Setz dich für fünf Minuten hin und beantworte drei Fragen.
Die drei Fragen
Wen willst du erreichen? Nicht „alle, die sich für Marketing interessieren", sondern eine Person, die du beschreiben kannst. Beruf, Situation, was sie sucht.
Was soll diese Person tun, nachdem sie die Seite gelesen hat? Kontakt aufnehmen, etwas herunterladen, etwas kaufen, etwas abonnieren. Eine Seite darf mehrere Wege haben, aber sie braucht einen Hauptweg.
Woran merkst du, dass es funktioniert? Eine Zahl, die du messen kannst, ohne dich zu verbiegen. Anfragen pro Monat, Downloads, Anmeldungen.
Wenn du die dritte Frage nicht beantworten kannst, ist die Seite ein Aushang. Sie steht da, sie ist ordentlich, und sie tut nichts. Das ist kein technisches Problem, und keine der vier Prüfungen davor wird es lösen.
Grün: Alle drei Fragen sind beantwortet, und die Antwort auf die dritte ist messbar. Gelb: Die ersten beiden sind klar, die dritte nicht. Rot: Keine der drei hat eine Antwort.
Das Punktesystem
Fünf Prüfungen, je ein Punkt. Trag das Ergebnis ein, ohne es schönzureden.
| Prüfung | Grün (1 Punkt) | Gelb (0,5) | Rot (0) |
|---|---|---|---|
| Erreichbarkeit | eine Adresse, 301 von den anderen | eine Variante doppelt | zwei Varianten mit Inhalt |
| Sitemap | alle Seiten drin, alle 200 | Seiten fehlen | keine Sitemap |
| Tempo | LCP unter 2,5 s | 2,5 bis 4 s | über 4 s |
| Titel | eigener Titel und Text je Seite | doppelt oder zu lang | fehlt oder überall gleich |
| Ziel | drei Fragen beantwortet, messbar | Ziel unklar | kein Ziel |
Auswertung:
- 4,5 bis 5 Punkte: Dein Fundament trägt. Es geht um Inhalte und um Messung, nicht um Reparatur.
- 2,5 bis 4: Die roten Punkte zuerst, und zwar in der Reihenfolge der Tabelle. Erreichbarkeit vor Tempo, immer.
- Unter 2,5: Fang nicht mit Inhalten an. Erst das Fundament, dann der Text.
Was du mit dem Ergebnis machst
Das Audit sagt dir nicht nur, wie gut deine Seite ist. Es sagt dir, welcher nächste Schritt für dich der richtige ist. Die Reihenfolge ist nicht beliebig: Was weiter oben in der Tabelle steht, blockiert alles darunter.
Erreichbarkeit und Sitemap zuerst. Solange eine Seite nicht eindeutig erreichbar und nicht gelistet ist, ist jede Verbesserung am Text Arbeit an einer Seite, die nicht gefunden wird.
Dann das Ziel. Wenn die dritte Frage offen ist, hilft dir kein weiterer Artikel über Texte, weil du nicht weißt, wofür du sie schreibst.
Dann Tempo und Titel. Das sind die Feinarbeiten, und sie bringen am meisten, wenn das Fundament steht.
Wer neu anfängt und noch keine Seite hat, überspringt das Audit und beginnt beim Aufbau. Wer eine Seite hat und nicht weiß, wie es weitergeht, hat jetzt eine Liste statt eines Gefühls.
Was dieses Audit nicht leistet
Damit du nicht mehr erwartest, als drin ist:
- Es ist keine Wettbewerbsanalyse. Es sagt nichts darüber, warum ein anderer besser rankt als du. Dafür muss man die anderen Seiten ansehen.
- Es ist keine Garantie. Wer alle fünf Punkte grün hat, wird nicht automatisch gefunden. Es heißt nur, dass nichts Technisches im Weg steht.
- Die Tempo-Werte sind eine Momentaufnahme. Bei kleineren Seiten fehlen Felddaten, und der Laborwert schwankt je nach Messpunkt.
- Es ersetzt keine Logfile-Analyse. Wie Suchmaschinen tatsächlich crawlen, steht in den Serverlogs, nicht in der Search Console.
- Es ist kein einmaliger Termin. Ein Audit, das man nicht wiederholt, ist ein Foto. Interessant wird der Vergleich mit dem nächsten.
Meine Erkenntnisse
Ich habe diese fünf Prüfungen an meiner eigenen Seite gemacht, und der Befund war nicht der, den ich erwartet hatte.
Der stillste Fehler war die Sitemap. Nicht die Ladezeit, nicht der Titel, sondern eine Zahl, die nicht stimmte: 16 Einträge bei 19 Seiten. Kein Fehler, kein Warnhinweis, kein rotes Feld in irgendeinem Dashboard. Nur eine Seite, die es gab und die nicht auf der Liste stand.
Der zweite Befund war unangenehmer. Bei der Frage, was die Seite eigentlich tun soll, hatte ich drei Antworten und keine davon messbar. Eine Website, die niemandem sagt, was er tun soll, wird auch nicht gemessen, und was nicht gemessen wird, entwickelt sich nicht.
Was ich daraus mitnehme: Das Audit ist keine Prüfung der Technik. Es ist eine Prüfung der Annahmen. Die Technik findet man in zehn Minuten, die Annahmen brauchen die anderen fünfunddreißig.
Und der letzte Punkt: 45 Minuten sind realistisch, solange du nichts reparierst. Sobald du anfängst zu schrauben, ist es kein Audit mehr, sondern eine Baustelle. Mach den Zettel voll, leg ihn weg, und entscheide danach, was zuerst drankommt.

